Freitag, 5. September 2008

Ruby. Pt.2

Viertens.
Ruby war vierzehn Jahre alt als sie ihre Unschuld verlor. »An einen Soldaten«, wie sie sagte, »an einen jungen, kräftigen Soldaten.« Ihre Augen schwebten abwesend über dem Rand ihres Glases, die Lider durchfächerten den Rauch. »Das war 1964. In einer Stadt, die auch Berlin hieß. Berlin, New Hampshire, das gibt es tatsächlich, du wirst es kaum glauben, Darling. Die ganze Welt ist beschränkt!, begrenzt auf ein paar Worte, die sich wiederholen und wiederholen, und irgendwann redet man sich im Kreis, denkt man, und dann sitzt man Jahrzehnte später in derselben Stadt, und ist doch ganz woanders. Kaum zu glauben, eigentlich.«
Sie schnippte die Asche in einen gläsernen Aschenbecher, der schräg neben einem Schälchen Erdnüsse stand.
»Mister Tupper, der Kerl, der die Tupperware erfunden hat, du kennst das Zeug, Darling?, der kam aus Berlin, New Hampshire.« Ruby lachte rasselnd, als hätte sie einen anzüglichen Witz gerissen, und trank daraufhin einen großen Schluck aus dem, von den Eiswürfeln beschlagenen Glas.
»Du siehst also was die Stadt hervorgebracht hat: jede Menge giftigen Müll. Und mich, natürlich.«


Fünftens.
Rebecca Ruby Jansen geschiedene Hedge verwitwete Jones geborene Patt kam 1950 im städtischen Krankenhaus von Manchester, - einer weiteren Kopiestadt, wie sie später sagen sollte, - in New Hampshire zur Welt.
Ihre Mutter war Rosemary Patt geborene Littleton, eine Angestellte der Northwest Paper Factory (mit Hauptsitz in Manchester); eine zu allen Zeiten zerbrechlich wirkende Frau, - sie war Mitte Zwanzig als sie ihr erstes und einziges Kind gebären sollte; ihr Vater, Jonathan Patt, - als er Rosemary 1942 kennenlernt ein gutaussehender Zeitungsredakteur eines unbedeutenden Regionalblatts, dann nach der Landung in der Normandie 1944 als ruheloses Gespenst zurückgekehrt, - ein versehrter 30jähriger, ein Überlebender eines flammenkreischenden Alptraums, mit fehlenden Fingern an beiden Händen und Narben am ganzen Körper, auf lange Jahre hin arbeitslos.
»Er war wie ... naja. Wie ein manischer Versuch, Mensch zu sein, wenn du verstehst, Darling. Als hätte Gott nur eine Skizze eilig aufs Papier geschmiert, eine Karikatur!«
Ruby hatte nie verstanden, wie ihre Mutter dieses Phantom hatte heiraten können, oder gar lieben!, aber Ruby sollte die Liebe generell nie recht verstehen, - es blieb ihr bis zum heutigen Tag ein Rätsel.


Sechstens.
»Vierzehn war ich, als ich meine Unschuld verlor. An einen Soldaten, an einen jungen, kräftigen Soldaten. Paul«, sie schmeckte dem Namen hinterher; den Mund sachte zusammendrückend, spitzte sie die Lippen so als fühlte sie einen Kuss: »Paul, ich erinnere mich noch sehr genau an ihn. Er hatte sein blondes Haar gescheitelt, blaue Augen, so ähnlich wie deine, nur ein bisschen heller noch, wie mit Aquarellfarben gemalt, und er trug einen Bart auf den Lippen. Unglaublich männlich, mit breiten Schultern, und allem drum und dran.
Er war gerade einunddreißig geworden, - das weiß ich so genau, weil ich auf seiner Geburtstagsparty war, einem schrecklich lahmen Fest, das gleichzeitig seine Abschiedsfeier war. Du musst wissen, Darling, dass der Vietnamkrieg damals noch nicht mal richtig begonnen hatte, - man konnte nie etwas aus den Berichterstattungen herausgreifen, etwas Echtes, etwas Lebendiges, - aber alle wussten seit dem Krieg, seit dem Zweiten Weltkrieg, dass ein Krieg immer auch Tod bedeutete, Risiko. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht war es deswegen nicht der ideale Zeitpunkt für eine Party, aber da Babette das ganze organisiert hatte, seine Verlobte, traute sich niemand etwas zu sagen. Babette war es auch gewesen, die mich eingeladen hatte, und die nicht ahnen konnte, wie sehr sie damit mein Leben und vielleicht auch ihr eigenes verändern sollte.«

Ruby zündete sich eine neue Zigarette an.

»Babette ging bei uns ein und aus, eine aufgedonnerte Schnalle, eine Freundin meiner Mutter; sie saßen oft zusammen in der Küche und lachten, rauchten zusammen ihre Zigaretten, sprachen oft stundenlang, ich hab keine Ahnung worüber, und dann konnte sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Blondiert wie die Monroe war sie, und überhaupt: wie die Monroe wollte sie sein, und das, obwohl die schon seit zwei Jahren tot war, und sie selbst hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Und doch!, und immer wieder!, schön die Lippen angeschmiert, sich den Schönheitsfleck angeklebt, und dann immer am Flöten, - sie hatte in Wahrhheit eine Stimme wie ein Walroß, aber wenn sie mal am Flöten war, dann klang sie wie ein Walroß auf Landgang, eingequetscht in ein Korsett und mit billiger Schminke in der faltigen Visage.« Ruby lachte wieder, schmutziger diesmal, rauher. »Na aber wie auch immer. Babette lud mich und meine Mutter zu der Party ein. Dort hab ich dann auch schließlich meine Unschuld verloren.«
»Könnten Sie mir darüber nicht ein bisschen mehr erzählen? Mit mehr Details vielleicht?«, fragte ich.
Daraufhin sie: »Klar, Darling, aber dann brauch ich ein weiteres Glas, wenn du verstehst?«
Ich verstand. Natürlich.

Dienstag, 2. September 2008

Ruby. Pt.1

»I need you so much closer«, she said, and then she wiped her face clean.


Erstens.
Eigentlich immer noch eine schöne Frau, Ende 50, mit dichten schwarzen Haaren, die unter ihrem breitkrempigen, beigen Hut hervorquollen; ein Mädchen noch, wenn man sich ihr Gesicht recht besah: Die Stupsnase ein bisschen spitz und nach oben gerichtet, - sie verlieh ihr die nötige Arroganz, - die großen, braunen Rehaugen dicht beieinander stehend und von langen Wimpern umrahmt, - sie schenkten ihr etwas, das halb Naivität und halb Weisheit war, - und dann natürlich: Ihre roten Lippen, - sie machten sie schließlich zur Hure. Die Zigarette im linken Mundwinkel, verschmiert von Lippenstift, wippte beim Sprechen, und wenn sie lächelte, zeigte sie schiefe weiße Zähne.
Sie war sicher nicht mehr jung, und weit jenseits von dem aufkommenden neuen Ideal amerikanischer Frauen, die sich ihr Gesicht liften ließen; sie mochte das Altern, nichts schien ihr so zu gefallen wie der Prozess sterbender Nervenzellen und erschlaffenden Gewebes. Sie tat nichts gegen die schmalen Falten, die sich rund um ihren Mund in die Haut gegraben hatten, in ihre Wangen und in die Stirn; unsichtbar wenn sie bewegungslos schwieg, aber wenn sie lächelte, wenn sie sich das Glas an die zum Kussmund gespitzten Lippen setzte, wenn sie sprach, dann warf sich die Haut auf wie ein zerknittertes Leintuch, wie die Parzellen des Mondes. Es machte sie schöner, das Alter. Es adelte sie.
Und das wusste sie. Altern war für sie nicht Teil der Normalität, sondern eine ausschließlich für sie geschaffene Möglichkeit. Sie cremte nicht, sie salbte nicht, sie wusch sich jeden Morgen das Gesicht mit kaltem Wasser und alles, was sie sich je gönnte, war vielleicht das ein oder andere Schaumbad, oder eine teuere Seife, die sie so lange benutzte, bis nur noch eine kleine, weiße Scheibe übrig blieb. Nicht, dass sie das nötig gehabt hätte; sie war nicht arm, und geizig war sie auch nicht, doch ihre Prämisse im Leben war: Nutze alles so lange wie es existiert.


Zweitens.
Ruby sollte man sie nennen, schlicht: Ruby. Schon als Kind hatte man sie so gerufen, sagte sie, schon vor langer Zeit und in einem anderen Land, - auf einem anderen Kontinent!, - und als die Jahre vergingen, und sie vom geschlechtlosen Kind zur promiskuitiven Frau heranreifte, da war ihr Geburtsname schon längst vergessen gewesen, verschwunden in einem großen Brand, mitsamt des Hauses ihrer Großmutter in Flammen aufgegangen, und zu weit weniger zermalmt als Asche und Staub.
Sie hatte ihre langen Beine übereinander geschlagen, als sie erzählte, den schwarzen Rock bis knapp unter dem Knie zusammengerafft, und die Hände auf dem Tresen; in der einen hielt sie ihr Glas, in der anderen die Zigarette. Ihre Fingernägel waren ebenso rot wie ihre Lippen.


Drittens.
»Darling«, sagte sie. Jeder war ihr Darling. Jeder war käuflich. Jeder so besonders wie der nächste. »Darling, könntest du mir erklären, was das hier zu bedeuten hat«, und sie deutete auf das Notizbuch. »Was schreibst du bloß?«
»Ich schreibe etwas über Sie«, sagte ich, und sie lächelte.
»Über mich? Ach das lohnt doch kaum der Mühe.«
»Alles lohnt einer genaueren Betrachtung.«
»Was beabsichtigst du denn damit?«
»Nichts«, sagte ich. Dann, nach dem ich ihr eine Weile dabei zugesehen hatte, wie sie ihr Glas hin- und herschwenkte: »Ich weiß nicht, ehrlich gesagt.«
»Wenn ein Mann sagt, er wisse nicht, dann lügt er. Selbst wenn er noch so jung ist wie du. Das Lügen liegt euch im Blut.«
»Ach ja?«
»Darling, ich kenne euch Männer. Ihr macht mir nichts mehr vor. Alles, was ihr sagt oder nicht sagt, was ihr macht oder sein lässt, es läuft auf dasselbe hinaus: S.E.X. Es ist im Grunde ganz simpel. Wenn man einmal das Muster im Kopf hat, dann kann man immer wieder am selben Pullover stricken, wenn du verstehst, was ich meine. Die Wolle ändert da wenig dran.«
»Und Sie haben an vielen Pullovern gestrickt?«
Sie lächelte, nippte an ihrem Glas, zog an der Zigarette und sagte, den Rauch noch in die Luft blasend: »Darling, wir stricken doch alle an irgendwas, oder nicht?«

Sonntag, 31. August 2008

Phasenherz

# 1
jeden tag strömt ein bisschen mehr welt in mich; wie lautloses, geruchloses gas oxidiert sie in meine lungen. & jeden tag verstumme ich darum um ein wort mehr.

es ist dann, als sitze der wolf vor dem lamm,
& wisse nicht zu beißen.

mir gehen die worte aus, meist zwischen den zeilen. wie ein ballon verliere ich luft. sitze vor dem buch, vor dem weißen papier, vor dem brief, vor dem telephon, vor der redenden mutter, vor der außenwelt, die groß & bunt ist, & denke an stille. an stummheit. an das schweigen von père lachaise. dann sehe ich die wolken am himmel, & all das blau, - so viel blau, dass ich erblinden möchte, - & will diesen augenblick teilen.

mit dem gespenst meiner eilenden augen.
mit dem gefühl fallender blätter auf nackter haut.
wie die nautilus, die aus der tiefe des nordpols steigt.

aber es geht nicht, passiert nicht, bewegt sich nicht. nur die sonne rollt über den himmel, & konsum rauscht mir zwischen den fingern. ich tauche nicht auf, aus dem meer der gesichter, bin verwurzelt in dialogen in treppenhäusern: du bist was du bist was du bist & nicht was du sein kannst sondern was du sein musst daher bist du weniger als das was du sein darfst & jetzt geh raus in den lichtdurchfluteten innenhof & berichte über die post die kommt & dir schwer auf den fingern liegt weil darin deine zukunft steckt. & dann geht ein mensch hinein. nur er hört nicht auf, in der stille da zu sein; er geht auf & ab, & spricht sich tiefer, - in die schlimmsten dunkel dieses denkens.


# 2
Sonne auf den Lippen benetzt das Sprechen. Alles ist Licht. (Eine Million Menschen spielen auf zum Tanz, mit Leierkästen). Unter den Bäumen verstecken sich die Schatten, meist in fremden Augen. Da leuchtet es dann blau und grün, - wie im Gras so auch im Himmel, - und man kratzt den Mückenstich auf dem rechten Handgelenk; nein, die Natur hilft dir nicht. Es sind die Menschen, immer die Menschen, wie ein ständiges Auf und Nieder aller Glieder: Finger an deinem Körper, - wie Protonen durchbrechen sie dich, deine Haut, deine feine Pfirsichhaut, die deine Venen trägt, deine Schale, in der dein Geist die Rolle spielt: Ein Theaterstück des Verstandes vor unseren Augen!, stell dir das vor. Wie die Liebe, nur ungleich dunkler, fast wie Donnergrollen.

Es geht alles auf, in der Welt, geht alles auf wie Blumenknospen, dabei ist doch schon Herbst, sagst du, und meine Küsse tragen dir die Worte fort; es ist Herbst, immer ist es Herbst, wenn wir uns begegnen, immer ist es der Mond, der nachts die Wolken frisst, und die fallenden Blätter, die sich auf Mund und Augen legen und dann: Der Atem, der sie wieder in die Höhe wirft. Es geht immer so weiter, denkt man, es geht immer und immer und immer so weiter und immer und immer weiter und immer und immer und immer weiter und immer und immer, und dann folgt der Winter und der Frühling und es ist wieder Sommer und schließlich, - und endlich, - Herbst. Wir tragen immer den Herbst im Herzen. Wir sterben nicht.


# 3
Alle Menschen sind auf der Jagd; mit Worten wird gelockt, mit Worten wird gefressen.


# 4
es ist zwei uhr morgens, und das telephon geht schrill zwischen den träumen. da ist ein hallo? in der leitung, kilometerweit von allem entfernt, was fühlbar ist, und man denkt: Das ist die Liebe, aber sie ist es nicht; die liebe fühlt sich fühlbar anders an. oder nicht?

was weiß ich?

ich halte mich in meinem kopf auf, sehe durch die augen, und bin in den augen, ich bin ganz und gar nicht, nirgendwo anders zu finden; nicht mal in den händen und fingern, die glieder umfassen, die über lider streichen, die sich im dornenkranz der haare verfangen, und blutend dann die küsse in die freiheit tropfen; ich bin nicht der mund, der den deinen sucht, bin nicht das kinn, das in deinen händen liegt, ich bin nicht der mensch, der hinter all der nacktheit steht und liegt und geht und tanzt und isst und zürnt und weint und liest und singt und lacht und fickt und, - stirbt; was ich bin, in meiner rohheit zu einem nervenbündel verschlungen, zu schleimhäuten, zum herzbeutel?, ganz egal was ich bin, es ändert nichts an dem, was ich nicht zu sagen weiß.


# 5
Wut, wie ein Güterzug rattert sie durch mich hindurch.

Eines Tages, heißt es, eines Tages wird dich die Liebe finden, aber eines Tages bin ich von alldem schon viel zu aufgerauht, bin unempfindlich für die Liebesbriefe, für die Angebote, für die Beschwörungen fiebrig heißer Judasküsse, für Lippenbekenntnisse und dergleichen; dann weiß nur der Körper noch zu nehmen, nur der Körper, der da ist, mechanisch und immergleich, alternd. Eines Tages? Da sagt der Kopf längst: Das habe ich mir verdient. Das steht mir zu. Und man stottert hinterher: Aber nur das Glück definieren!

Was auf der Strecke blieb? Alles, schlicht alles. Nichts, nirgendwie und irgendwas: Aufgebrauchte Gedanken. Das ist keine Kunst.


# 6
Man lebt doch eigentlich nicht bloß, weil man es muss. Man lebt, weil es die Möglichkeiten gibt, die Chancen auf Glück. Wie ein Gefühl des Nachhausekommens: Wenn nach einer langen Reise die Tür hinter einem ins Schloss fällt, und man weiß: Ich bin endlich wieder da. Wie ein Gefühl des Geliebtwerdens: Wenn man die Augen aufmacht, und es liegt da jemand daneben; ein schönes Gesicht, vielleicht mit wirrem Haar und rissigen Lippen, vielleicht voller Sommersprossen, aber so doch ein Gesicht, - mit Augen so groß wie Universen, die alles wissen und alles kennen, jeden Winkel und jedes Dunkel, und die einen doch unverwandt ansehen können ohne zu blinzeln.

Was also, was braucht man denn noch?

Mittwoch, 27. August 2008

Die Provinz

In meinen Träumen ertrinke ich,
floßlos, ruderlos,
treibe in die Tiefe.
Wellen brechen über
unter!
über!
Mund und Augen,
und gießen neues Wasser auf die Mühlen.



Im Stechschritt fliegt die Kleinstadtwelt: Ein Fachwerk reiht sich hausend an das nächste, hohe alte Häuser, sie verdecken kaum den Himmel, da die Kirchturmspitze, - das Glockengeläut scheucht die Spatzen von den Dächern, - und die Leute, alte Frauen mit großen Körben unter den Armen und Männer in beigen Hosen und beigen Hemden, biegen ein in die Gassen und verwinkeln in Bögen, stehen vor dem Bäcker und sagen: Das ist wirklich zu teuer, und meinen die 1,30 für ein belegtes Brötchen.

Dazwischen: das Kopfsteinpflastermurmeln eines Baches, ein Rinnsal eigentlich, eingefasst in bunten Steinen, mit Kindern drin, die von dort nach da mit hohlen Wasserhänden rennen, platschend und quietschend, ein Lachen auf den Lippen. Ach wäre man noch so jung, hört man von allen Seiten, und riecht dann den kommenden Regen.

Weiter. Weiter. Immer dem Wind hinterher, der durch die Straßen eilt, und fliegend sich in Zeitungspapier verbeißt, das dann hochschnellt, - himmelhoch, - und dann im Sturzflug wieder hinab, unter die Räder eines Wagens, der dort am Brunnen steht. Weiter. Weiter. Nicht aufhalten lassen, von dem Schwatzen der Alten, die vor den Schaufenstern stehen und sagen: So was hätt's damals nie gegeben, und die mit Damals das Dritte Reich meinen. Weiter und vorwärts, vorbei an den Ausstellungsstücken eines Photographen, - des einzigen, - die weder gut noch schlecht sind, sondern traurig; Bilder junger Frauen mit hochtoupierten Haaren, leicht blondiert und dennoch braun, mit Kringellöckchen, und Männer mit schwarzen Schnauzbärten, die Fliegen und Kravatten schief am Hals, und Kinder, zahnlückig lachend ohne Glanz in den Augen. Weiter, vorbei an der Bank, aus der schlanke Männer in Businessanzügen strömen, pünktlich um 12 Uhr, mit Gel in den zurückgekämmten Haaren, und die grinsend grüßen, sobald man vorübergeht, und die dann schließlich vergessen. Ein Schein des Vergessens über der Welt.

Weiter.

Scherben teilen den Weg dann entzwei; irgendwer hat die Scheiben aus dem Bushäuschen geschlagen: jetzt liegen sie glitzernd zwischen Zigarettenstummeln und Pinienkernschalen; auf der Hauswand dahinter steht in blau und schmierig etwas in einer fremden Sprache. Es könnte Russisch sein. Es könnte Deutsch sein. Aber eigentlich ist das auch ganz egal. Eine Beleidigung muss man nicht verstehen, solange sie so grell ist wie diese.

Es geht ein Mann vorbei. Jung, mit blonden Haaren. Er trägt ein helles weißes Shirt und Jeans; er sieht nicht schlecht aus, nur irgendwie auch fehl am Platz. Dann zischen die Stimmen von hinten: Der ist bestimmt schwul; so wie der läuft.
Es geht eine Frau vorbei. Nicht mehr ganz so jung, mit schwarzem, dichtem Haar, in das sich das erste Weiß des Alters mischt. Sie trägt ein rotes Kleid, das ihr knapp bis über die Knie reicht; ein bronzenes Kind auf dem Arm. Dann zischen die Stimmen von hinten: Und verlassen hat sie den, einfach so. Mit dem Kind. Was die sich bloß denkt.

Überall zischen die Stimmen, und grüßen doch im Vorübergehen. Sie zischen und zischen, und speien ihr Gift auf die Straßen. Die Provinz ist in jedem ihrer Worte. Dem kann man nicht entkommen. Es durchwirkt den ganzen Ort.

Sonntag, 24. August 2008

White T-Shirt

(sexualy explicit breaking news: boobs at its best - now cum for free - summer is the only time for fucking in -- ).

1.
Aufwachen und sich die klebrige Spucke vom Kinn wischen ist kein Idealstart für einen Sommertag wie diesen. Zudem noch, weil man nackt auf dem Fußboden einer fremden Wohnung liegt; die haarigen Beine zu einem komischen Muskelberg versehnt, die Arme quer dazu verwinkelt, und weder der vegetative, noch der bewusste Teil des Kopfes versteht die Lage richtig. War die Ausgangsposition nicht ganz anders? Hilft nicht, so ein Gedanke. Eher Hinterfragung: Ist Muskulatur an sich nicht doch ein Witz? Nur rhetorisch. In Wirklichkeit geht's ums Aufstehen, und zwar bevor jemand kommt; also setzt sich das Gewebe in Bewegung, die Haut über den Muskeln, die Muskeln an den Knochen, die Knochen selbst, die man ja ist, und während sich noch die Fingernägel kratzend über die Kopfhaut schieben, lockert sich das Sehfeld und die Umgebung rückt aus dem Nebel: Das Zimmer ist bekannt; man erinnere sich an die Wände mit den Regenbogenflaggen, das Linoleum, das jetzt an Fersen klebt, der mehlbestäubte Tisch, das Fenster, das auf die Straße hinausführt. Es ist alles, wie es war; als hätte die Zeit ein Bild gemalt.

2.
Irritiert und fahrig huscht der Blick über den Boden, und in die Ecken, unter das türkise Bett. Ganz am Anfang hat sich der Mensch aus Schutz- und Sicherheitsgründen Kleidung angezogen, später dann, als das Bewusstsein grausamer, klinischer, urteilender wurde, um nicht mehr so zerbrechlich auszusehen. Ein bisschen Stoff hier und da, und alles ist kaschiert, - nur die Projektionsfläche des Verstandes nicht. Gerade in solchen Momenten nicht, wenn man mit bloßgelegten Rippen in einem fremden Zimmer steht und keine Spur von den Kleidern vom Vortag hat. Draußen hört man Schritte. Also sucht man hektischer, schaut auch an Stellen, wo sie unmöglich sein können, - auf dem Fenstersims, hinter den Büchern im obersten Regalfach, - und während die Finger immer eiliger die Dinge verrücken, rutscht der Kopf langsam in Schieflage: Wie konnte das passieren?
Die Situation wird nicht unbedingt klarer, oder eindeutiger, trotz oder gerade wegen den vielen Bierflaschen nicht, die jetzt, manchmal ganz aus Versehen, umstoßen und klirrend wegrollen, und die den Schritt verlangsamen. Slalomgleiches Gehen, um das Glas herum. War das gestern die Möglichkeit der Liebe? Unmöglich. Nichts als die Hitze des Sommers, der die Kleider von der Haut strich, und fallen ließ. Die Augen springen aus dem Fenster, dem Gehweg entgegen, aber unten gehen nur Passanten. Wieder herein geflogen, bitte schön. Da, der Schrank, schräg unter dem Tisch, den bemerkt man immer zu allerletzt.

3.
Es liegt nur ein weißes T-Shirt drin; es riecht nach Minze, und auch nach Mandeln; glatt ist es auf den Fingerspitzen, sanft und wie aus Seide, dabei ist es eigentlich ganz gewöhnlicher Stoff. Weiß. Wie frisch gefallener Schnee. Lautes Rufen hinter der Tür. Es bleibt nichts anderes zu tun, als es anzuziehen; doch schon während sich der Kopf durch die Öffnung schiebt, merkt die Haut, dass es eine Nummer zu eng ist, zu kurz. Es geht nur knapp bis zum Bauch. Darunter kringelt sich schwarzes Haar, man sieht den Leberfleck an der Hüfte. Das muss gehen.

Dann geht die Türe auf.
Und Licht fällt rein.
Die Silhouette einer Frau.

Dann gehen die Augen auf.

Freitag, 22. August 2008

Der elfte September

Seit dem elften September ist alles anders, sagte er und strich sich mit einer Hand am Kragen entlang; sein schwarzes T-Shirt spannte sich knapp über seine breiten Schultern, lag eng an seiner Brust an und war dann ab der Taille ein bisschen zu locker, groß fast, wie von zwei Generationen großer Brüder abgetragen. Er lächelte schief während dem Reden, und zeigte eine Reihe kleiner weißer Zähne. Seit dem elften September ist alles anders, formten seine Lippen, seine Zunge, seine Stimmbänder in dem geäderten Hals. Die Worte waren in den Raum gestellt, und standen unverrückbar. Gott selbst hätte sie nicht berühren mögen.
Vom Kragen sprangen seine Finger in sein dichtes schwarzes Haar zurück, verwuschelten die Strähnen, und legten sich dann wieder auf seinen Oberschenkel. Seit dem elften September, ein Satz, - wie gemacht für zufällige Begegnungen im Zug, denn im Zug traf ich ihn; er nannte sich Romeo, und war wie ich auf dem Weg nach H.

Braungebrannt war er, und ungefähr zwei Jahre älter als ich, oder vielleicht zwanzig, so genau konnte ich das nicht sagen, wollte ich ihm doch nicht direkt in die Augen sehen, denn seine Augen waren blauer als meine, klarer, intensiver, beinahe stechend, aber von so einer Reinheit, dass es fast schmerzte. Falten umspielten seinen Mund, und machten ihn lächeln, selbst wenn er stumm schwieg und den Kopf gegen das Fenster lehnte; sein Haar halblang und hinter die Ohren gesteckt, zeigte eine breite Stirn, durchfurcht von Sonne und Wind, wie es schien, obwohl es nichts als Schatten waren, die durch das Abteil zuckten, wenn die Sonne, die Welt und man selbst mit dem Kreisen des Zuges auf die andere Seite drehten, und nichts verriet Ablehnung, oder Zustimmung, oder den leisesten Zweifel; es war alles so wie es war. Selbst, wenn es nicht wahr war.

Man rechnet doch heute so, oder nicht?, fragte er unvermittelt, während ich versuchte, mir die Seitenzahl zu merken, auf der mein Lesen zum Stillstand gekommen war. Wie ein ganz neuer Zeitabschnitt. Als hätte man dem Quantum Lebenszeit, in dem wir stecken, einen Stempel aufgedrückt. Er lächelte, und strich sich über die Lippen. Ich kann es bald nicht mehr hören: Seit dem elften September ist alles anders; ständig die Detektoren, und die neuen Bestimmungen an Flughäfen, zu Konzerten, während man als Fußgänger vom Auto überfahren wird, konzentriert sich die Kamera an der Dachrinne auf den Koffer, den man am Bahnsteig vergessen hat. Kann im Notfall gesprengt werden, sagen sie. Kann gesprengt werden, könnte ja Anthrax drin sein, oder irgendwas Explosives, - deshalb sprengt man's ja: Kann ja nicht von selbst in die Luft gehen. Er lächelte gegen die Sonne im Westen, fasste sich an den Schritt, band sich die Schnürsenkel zu.
Seit dem elften September ist alles anders. Vorher waren Flugzeuge keine Waffen. Entführungen gab's zwar, aber das ist ja nicht dasselbe. Heute schießt man die Flugzeuge vom Himmel, also: möglicherweise. Das kann man zumindest erwarten. Könnten ja noch mehr sterben, also warum auch nicht? Sterben werden die im Flugzeug ja sowieso, egal für welchen Gott, für welchen Traum, für welche Möglichkeiten des Lebens. Sterben werden alle, nur zivile Opfer will man meiden, - die größte potentielle Menge an Toten will man meiden, - daher bombardiert man dann später aus Versehen ein Dorf, und es sterben zufällig ein paar Kinder, aber das ist nicht dasselbe, das ist niemals dasselbe. Nur Kollateralschäden. Prävention, heißt das. Und man macht weiter, egal wo, egal wann, man verkauft es als Friedenstruppen und in Wirklichkeit ist es nichts als die Kriegsmaschinerie.

Ich hatte die Seitenzahl längst vergessen, Der Untertan kam wieder in die Tasche, und mein Blick nickte apart zu den nächsten Worten, die aus seinen Lippen raus ins Freie sprangen: Was der elfte September verändert hat, begreifen die meisten Menschen doch gar nicht, aber sie zeigen auf die Bilder von einstürzenden Gebäuden und nennen es Terror, und Terrorgefahr, und bejahen die Fragen nach Sicherheit mit Weitwinkelobjektiven. Sie denken, der kostbare Frieden sei ins Wanken geraten, dabei kennt die Menschheit nur ein paar Tage Waffenstillstand und dann wieder anhaltende Gefechte. Oder nicht?

Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf mich wie ein Suchscheinwerfer, helle blaue Augen durchsuchten mein Gesicht nach Antworten, und ich? War schrecklich stumm, blinzelte zurück, und wusste zur Abwechslung überhaupt nichts zu erwidern.

Mittwoch, 20. August 2008

Für Sansibar

Ständig stürzt mir das Herz aus der Brust. Da liegt es dann, - dunkles Blut ins Freie pumpend, - und weiß nicht, wie es dazu kam. Dabei weiß es der Kopf sehr wohl, und ganz genau; nur will er's dem Herz nicht sagen.

Nein, es sind nicht so sehr die Schrecken der Zukunft, die sich wie Donnergrollen sammeln, und losbrechen, - immer dann, wenn es kein Träumen mehr gibt; und das, obwohl sie furchtbar sein kann, diese Zukunft. Voller maßloser Enttäuschung, weil die Uni wie ein kaputtes Autorad die Luft verlieren kann, oder vielleicht sogar platzt; weil die Korrekturen schlecht laufen könnten und überhaupt: alles, was mit dem Schreiben zu tun hat; meine Ideen unverwirklicht bleiben, weil der Körper vorher versagt, usw. Nein. Die Sorge ist es nicht, vielleicht nur ein bisschen Angst, aber reicht das denn aus, um das Herz aus mir heraus zu katapultieren?

Im Spiegelbild befasse ich mir Liderhaut und Oberlippe. Könnte das etwa der Grund sein? Das Imperfekt meines ganzen Lebens ist nur das Bisschen Bindegewebe. Und ein Körper, der mangelt, ist ein Körper, der giert. Und wie ich giere. Ständig durchzuckt mich die Realität eines anderen Mannes, eines schöneren, gesünderen, attraktiveren Mannes, der nimmt, was er will, und bekommt, was er braucht, und trotz des Geistes, der gegen die Clichés rebelliert, nickt der Körper träge mit zum Takt des Blutrauschs. (Blut ist erstaunlich, eigentlich und wenn man sich's recht bedenkt). Natürlich wäre mir ein Zungenkuss jetzt auch lieber, und es wäre mir mittlerweile egal, wo da meine Hand zu sein hätte, aber es funktioniert nicht; man ist an sich gebunden, ist verurteilt zu bloßer Materie, zu Fleisch, das zwar fest und hart ist, das gut riecht und sich anpasst, das fühlbar ist, aber das nicht auftrifft, sich nicht vermischt. Darunter leide ich manchmal, ja; besonders, weil mein Verstand ist, was er ist; so ein unermessliches Ding, ein Krake, ein Dunkel und dann voller Explosionen, die alles, -- ach, das kenn ich schon, das ist tausendmal zu Kurznachrichten zerhakt. Also, macht es das Herz so rasen?

Sind es die Bilder, die man mir schickt? Vom falschen Alter benetzende Lippen, und niemals feinfühlige Hände? Die Augen vom Grünspan überzogene Plastiken, die aufgehen und untergehen in den sorglosen Träumen meiner verblühenden Jugend? Oder ist es das Scheitern, das nicht mehr vorankommt, weil es sich an dem möglichen Erfolg stößt; unmittelbare Publicity für Leib und Seele, - ist das in Wirklichkeit der Grund, der eine fiese Grund, der sich durch die Nahrungskette meiner Totalausfälle nach oben frisst? Die Sehnsucht nach der Stadt, die mit B beginnt und niemals endet, - ist es das? Oder einfach nur die Leere, die meine Hülle, die mein Bett ist, mein Augenaufschlag blauer Worte, meine Armspanne unbenutzter Venen; die Leere, die absolut in allem nistet, in was mein Mund die Worte streut; die Leere eines Leerzeichens, das ewig mich ans Dann und Damals bindet, obwohl nichts an mir nostalgisch ist.

Tatsache ist: Ich weiß es nicht. Mein Herz will mir entfliehen, beständig wie die Vögel. Und der Grund, der eine, der letzte Grund (für Sansibar), - bleibt? Verschollen.

Freitag, 15. August 2008

Fünf Wahrheiten, episodisch

1.
Wenn ich esse, dann benutze ich niemals das Messer; ich bin ein Virtuose der Gabeln.

2.
Ich erschrecke mich nie in Horrorfilmen über die eigentlichen Schreckmomente, - ich erschrecke über das Erschrecken meiner Mitmenschen.

3.
Ich masturbiere selten unter der Dusche, und wenn, dann nur aus Verzweiflung.

4.
Mein erster Kuss schmeckte tatsächlich nach Kirschen; es war ein künstlicher, chemischer Geschmack. (Sie kaute den Kaugummi ziemlich gleichgültig).

5.
Ich traue Katzen nicht; sie haben etwas in ihrem Blick, das mich schaudern macht.


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