Ruby. Pt.2
Viertens.
Ruby war vierzehn Jahre alt als sie ihre Unschuld verlor. »An einen Soldaten«, wie sie sagte, »an einen jungen, kräftigen Soldaten.« Ihre Augen schwebten abwesend über dem Rand ihres Glases, die Lider durchfächerten den Rauch. »Das war 1964. In einer Stadt, die auch Berlin hieß. Berlin, New Hampshire, das gibt es tatsächlich, du wirst es kaum glauben, Darling. Die ganze Welt ist beschränkt!, begrenzt auf ein paar Worte, die sich wiederholen und wiederholen, und irgendwann redet man sich im Kreis, denkt man, und dann sitzt man Jahrzehnte später in derselben Stadt, und ist doch ganz woanders. Kaum zu glauben, eigentlich.«
Sie schnippte die Asche in einen gläsernen Aschenbecher, der schräg neben einem Schälchen Erdnüsse stand.
»Mister Tupper, der Kerl, der die Tupperware erfunden hat, du kennst das Zeug, Darling?, der kam aus Berlin, New Hampshire.« Ruby lachte rasselnd, als hätte sie einen anzüglichen Witz gerissen, und trank daraufhin einen großen Schluck aus dem, von den Eiswürfeln beschlagenen Glas.
»Du siehst also was die Stadt hervorgebracht hat: jede Menge giftigen Müll. Und mich, natürlich.«
Fünftens.
Rebecca Ruby Jansen geschiedene Hedge verwitwete Jones geborene Patt kam 1950 im städtischen Krankenhaus von Manchester, - einer weiteren Kopiestadt, wie sie später sagen sollte, - in New Hampshire zur Welt.
Ihre Mutter war Rosemary Patt geborene Littleton, eine Angestellte der Northwest Paper Factory (mit Hauptsitz in Manchester); eine zu allen Zeiten zerbrechlich wirkende Frau, - sie war Mitte Zwanzig als sie ihr erstes und einziges Kind gebären sollte; ihr Vater, Jonathan Patt, - als er Rosemary 1942 kennenlernt ein gutaussehender Zeitungsredakteur eines unbedeutenden Regionalblatts, dann nach der Landung in der Normandie 1944 als ruheloses Gespenst zurückgekehrt, - ein versehrter 30jähriger, ein Überlebender eines flammenkreischenden Alptraums, mit fehlenden Fingern an beiden Händen und Narben am ganzen Körper, auf lange Jahre hin arbeitslos.
»Er war wie ... naja. Wie ein manischer Versuch, Mensch zu sein, wenn du verstehst, Darling. Als hätte Gott nur eine Skizze eilig aufs Papier geschmiert, eine Karikatur!«
Ruby hatte nie verstanden, wie ihre Mutter dieses Phantom hatte heiraten können, oder gar lieben!, aber Ruby sollte die Liebe generell nie recht verstehen, - es blieb ihr bis zum heutigen Tag ein Rätsel.
Sechstens.
»Vierzehn war ich, als ich meine Unschuld verlor. An einen Soldaten, an einen jungen, kräftigen Soldaten. Paul«, sie schmeckte dem Namen hinterher; den Mund sachte zusammendrückend, spitzte sie die Lippen so als fühlte sie einen Kuss: »Paul, ich erinnere mich noch sehr genau an ihn. Er hatte sein blondes Haar gescheitelt, blaue Augen, so ähnlich wie deine, nur ein bisschen heller noch, wie mit Aquarellfarben gemalt, und er trug einen Bart auf den Lippen. Unglaublich männlich, mit breiten Schultern, und allem drum und dran.
Er war gerade einunddreißig geworden, - das weiß ich so genau, weil ich auf seiner Geburtstagsparty war, einem schrecklich lahmen Fest, das gleichzeitig seine Abschiedsfeier war. Du musst wissen, Darling, dass der Vietnamkrieg damals noch nicht mal richtig begonnen hatte, - man konnte nie etwas aus den Berichterstattungen herausgreifen, etwas Echtes, etwas Lebendiges, - aber alle wussten seit dem Krieg, seit dem Zweiten Weltkrieg, dass ein Krieg immer auch Tod bedeutete, Risiko. Man konnte ja nie wissen. Vielleicht war es deswegen nicht der ideale Zeitpunkt für eine Party, aber da Babette das ganze organisiert hatte, seine Verlobte, traute sich niemand etwas zu sagen. Babette war es auch gewesen, die mich eingeladen hatte, und die nicht ahnen konnte, wie sehr sie damit mein Leben und vielleicht auch ihr eigenes verändern sollte.«
Ruby zündete sich eine neue Zigarette an.
»Babette ging bei uns ein und aus, eine aufgedonnerte Schnalle, eine Freundin meiner Mutter; sie saßen oft zusammen in der Küche und lachten, rauchten zusammen ihre Zigaretten, sprachen oft stundenlang, ich hab keine Ahnung worüber, und dann konnte sie plötzlich in Tränen ausbrechen. Blondiert wie die Monroe war sie, und überhaupt: wie die Monroe wollte sie sein, und das, obwohl die schon seit zwei Jahren tot war, und sie selbst hatte nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihr. Und doch!, und immer wieder!, schön die Lippen angeschmiert, sich den Schönheitsfleck angeklebt, und dann immer am Flöten, - sie hatte in Wahrhheit eine Stimme wie ein Walroß, aber wenn sie mal am Flöten war, dann klang sie wie ein Walroß auf Landgang, eingequetscht in ein Korsett und mit billiger Schminke in der faltigen Visage.« Ruby lachte wieder, schmutziger diesmal, rauher. »Na aber wie auch immer. Babette lud mich und meine Mutter zu der Party ein. Dort hab ich dann auch schließlich meine Unschuld verloren.«
»Könnten Sie mir darüber nicht ein bisschen mehr erzählen? Mit mehr Details vielleicht?«, fragte ich.
Daraufhin sie: »Klar, Darling, aber dann brauch ich ein weiteres Glas, wenn du verstehst?«
Ich verstand. Natürlich.























